Beitrag von Dipl.-Ing. Architekt Bernhard Brüggemann zur Broschüre
“Das Stralsunder Rathaus Sanierung 2001 – 2004 · Ein Werkstattbericht”.
Diese Broschüre wurde im Auftrag der Hansestadt Stralsund herausgegeben.
Der Einbau der Stahlträgerdecken im Treppenhaus West
Die ehemals im Bereich des Westtreppenhauses vorhandenen Holzbalkendecken waren längst ausgebaut, als die ersten, fast 20 kN (ca. 2 t) schweren und ca. 9,5 m langen Stahlträger HEB 500 der Deckentragwerke auf die Baustelle kamen. Waren es einerseits die Gewichte, die bewegt werden mussten, so waren es auch die Längen der Träger, die ungestoßen von Auflager zu Auflager reichen sollten. Am Boden liegend, waren das wahre Ungetüme, eingebaut entpuppten sich die Träger dann doch als recht schlanke Bauteile.
Eine sehr große Genauigkeit der Einbauhöhe und eine exakte Lage im Gebäude wurde erwartet, damit im Anschluss an die bestehenden Decken keine Stolperkanten entstehen, damit aber auch der stählerne Fahrstuhlschacht absolut lotrecht eingebaut werden konnte – eine Präzision, die dem leitenden Ingenieur des Stahlbaubetriebes und seinen Mitarbeitern bewundernswerterweise gelang.
Es war eine lange Zeit, in der der Westflügel unausgesteift war, eine lange Zeit, in der mit sorgenvoller Miene dieser äußerst labile Bauzustand beobachtet wurde, immer wieder schauend, ob es nicht doch schon ein Indiz gab, dass eines der überschlanken Bauteile wie die von zahlreichen Fenstern durchlöcherte Außenwand versagen, zusammenbrechen wollte. Dann aber das Aufatmen, nachdem das Unmögliche geschafft war, als die meisten Träger der Decken in ihren Positionen saßen, als alles wie geplant passte, als endlich wieder die das Gebäude aussteifenden Decken vorhanden waren.
Sicherlich, eine Interimsabfangung der Außenwände des Westflügels wäre mit nicht unerheblichen Kosten möglich gewesen, die nun eingespart waren zu Lasten der Nerven des verantwortlichen Ingenieurs. Wenn dann doch durch die erste Benutzung der Treppen erkennbar wird, dass alle Parameter, die in der statischen Berechnung Einfluss haben, offensichtlich berücksichtigt wurden, wenn alle Zweifel an der Richtigkeit der getroffenen Annahmen und an den statischen Modellen verflogen sind, dann kehrt auch wieder Ruhe ein, und der Tragwerksplaner kehrt zu seinem Alltagsgeschäft zurück.

