Zum Schluss stellt sich nun schließlich die Frage: „Cui bono?“ Wem nützt es?
Dem Bauherren? Wohl nicht! Der Bauherr selbst mochte in der Regel mit einer statischen Berechnung schon früher nichts anzufangen gewusst haben, aber jetzt wird die statische Berechnung eben noch undurchsichtiger. Hat sich das Sicherheitsniveau ge- bessert? Werden die Berechnungen besser oder wirtschaftlicher? Ich mutmaße einmal, dass es in Zukunft etliche Fehlkonstruktionen mehr geben wird – gerade weil sich irgendwer an irgendeiner Stelle mit diesen vielen Faktoren hoffnungslos verheddert – als dass es bisher vorgekommen ist, dass je- mand zum Beispiel günstig wirkende Einflüsse nicht ausreichend berücksichtigt hat. Nützt es dem Bauunternehmen? Wohl eher nicht! Denn diese Zahlenfriedhöfe, die mittlerweile als Statik vorgelegt werden, machen das Zurechtfinden nicht leichter und leisten Fehlinterpretationen wohl eher Vorschub. Frage: Wo finde ich auf sieben Seiten Com- puterbemessung eines einzelnen Dübels (Glückssache, wenn der Ausdruck eines Be- messungsprogramms für den durchschnittlichen Benutzer noch halbwegs übersichtlich gestaltet ist) die entscheidenden Aussagen?
Nützt es den Software-Unternehmen? Wahrscheinlich! Arbeits- und Auftragssicherung auf Jahre hinaus! Insbesondere wenn man sich die aufwendige Korrektur von Programmierfehlern durch kostenträchtige Serviceverträge bezahlen lässt. Die Programmierer allerdings stöhnen auch, wie ich aus mehreren Gesprächen mit Softwareanbietern erfahren konnte.
Nützt es den Zertifizierungsanbietern? Mit Sicherheit! Dieser Branche, die selbst eigentlich keine direkte Verantwortung trägt, aber den Kunden und damit dem Endverbraucher erhebliche Kosten auferlegt, eröffnet sich ein unbegrenztes Betätigungsfeld!
Nützt es den Ingenieuren? Ich wage zu behaupten: „Eindeutig nein“! Nach Jahren anhaltender Strukturkrise, deren Ende nicht abzusehen ist und ohnehin schon dem Berufsstand erhebliche Nachteile verschafft, kommt jetzt das hausgemachte Elend dieser neuen Normengeneration hinzu: Die Neuerfindung des Rades durch eine meines Erachtens nicht dazu legitimierte Eliteclique verursacht dem ausführenden Ingenieur völlig unnütze Kostenerhöhungen, nämlich:
- Einen erhöhten Aufwand für Schulungen, in erster Linie um das neu zu lernen, was man eigentlich schon kennt, wobei die Schulungskosten selbst in den letzten Jahren eine inflationistische Steigerung erfahren haben (Tagesseminare um die 500 Euro sind mittlerweile nicht selten);
- einen grenzenlosen Aufwand, um die Normen nachzuvollziehen,
- erhebliche Kosten für die Beschaffung neuer Software (es wird eigentlich zunehmend zur Regel, dass jemand nur noch über die Software nachvollziehen kann, was man eigentlich machen muss, und dass man es sich eigentlich auch gar nicht mehr zeitlich leisten kann, die Ergebnisse der Software überschlägig zu überprüfen).
Last, not least, kommt schließlich noch der europäische Aspekt zum Tragen! Wie formulierte es Professor Schnell [3], der sich darüber ausließ, dass die neue Stahlbetonnorm erfolgreich eingeführt sei: „… andererseits wird aber nicht bezweifelt, dass ein vereintes Europa an sich ein erstrebenswertes Ziel ist, für das es sich lohnt, punktuell Unannehmlichkeiten auf sich zu nehmen …“.
Eine wunderbar politisch korrekte Formulierung, bei der ich mich jedoch beim besten Willen nicht angesprochen fühle, sowohl, was die weit verbreitete Europa-Besoffenheit angeht, noch die Bereitschaft dafür „punktuell” Unannehmlichkeiten auf mich zu nehmen. Und was heißt überhaupt „punktuell”?!
Wenn Europa bedeutet, dass alles nur noch zu babylonischer Unübersichtlichkeit führt, dann soll mir Europa doch bitteschön den Buckel herunterrutschen. Europa als Selbstzweck muss endlich einmal kritisch hinterfragt werden! Wenn wir es allenthalben nur noch mit dem Moloch verschiedener Unübersichtlichkeiten und des überbordenden Bürokratismus zu tun haben, kann dies kein tragfähiges Zukunftsmodell sein!
Hinterfragt werden muss meines Erachtens auch, wer denn eigentlich die Normenausschüsse einsetzt, wie deren Aufgabe definiert ist, und wie verhindert werden kann, dass sie sich in unsinniger Weise verselbstständigen.