Kritik an der Normenentwicklung

Stellen Sie sich bitte einmal vor, welch absurde Situationen auf uns zu kommen, wenn wir einmal eine eingebaute Dämmung aus früheren Jahren beurteilen sollen! Wärmedämmung der Wärmeleitfähigkeitsgruppe 040 wurde zum Beispiel nach einem Wärmeschutznachweis von 1985 eingebaut. Jetzt steht vielleicht die Ausstellung eines Energiepasses an. Rechne ich dem Eigentümer jetzt seinen Wärmeschutz schlechter, weil eine Fremdüberwachung des Dämmstoffs von damals nun beim besten Willen nicht nachzuweisen ist? Oder begebe ich mich ob der Unsinnigkeiten aufs Glatteis und setze den Wert so an wie damals? Wie sagte doch der Sportreporter Herbert Zimmermann nach dem denkwürdigen Wembley-Tor 1966: „Das wird nun wieder Diskussionen geben …“.

Hand aufs Herz! Worin liegt denn nun der bahnbrechende Unterschied zweier 12 cm starker Dämmungen mit einem Lambda-Wert von einerseits 0,04 und andererseits 0,048? Wobei wohl auch noch davon auszugehen ist, dass die tatsächlichen Werte wohl gar nicht so weit auseinanderliegen werden, sondern nur in dieser Form erdacht wurden, damit die besagte Lobby auch ja bevorzugt bedient wird! Die Unterschiede sind doch wohl in der tatsächlichen Auswirkung verglichen zum Beispiel mit dem nicht rechenbaren Nutzerverhalten äußerst marginal! Dafür ist das Streitpotenzial für prozesswütige Pfennigfuchser nachgerade fantastisch, wenn erst einmal angefangen wird, für große Flächen über Jahrzehnte den angeblich vorhandenen „wirtschaftlichen Schaden“ für die eine oder andere Seite zu berechnen. Man stelle sich vor, wie viele arme Planer dann für nichtige Streitereien in den Ruin getrieben werden, weil irgendwelche Prozesshanseln sich eine fiktive Benachteiligung ausrechnen! Die Nutzer haben derweil mit dem einen oder dem anderen Lambda-Wert bei der Dämmstoffstärke eine kuschelig warme Wohnung!

Zumindest ist für die Rechtsanwälte in den kommenden Jahren wieder einmal gesorgt! Das ist doch auch immerhin etwas wert!

Ganz zu schweigen von dem Affenzirkus, den man genau genommen jetzt mit Fenstern veranstalten muss! Wer, bitteschön, will denn zukünftig in der Planungsphase eines Gebäudes überhaupt die Rahmenanteile eines Fensters bestimmen? Fragen Sie doch einmal einen Bauherrn – lange bevor der Rohbau steht – nach solchen Rahmenanteilen! Welchen Sinn soll es denn haben, hier eine dermaßen genaue Erbsenzählerei vorzunehmen! Aber schön, schauen wir uns doch einmal die Angaben in der DIN EN 12524 an: Beton armiert, (mit 1 % Stahl), Rohdichte 2300, Wärmeleitfähigkeit: 2,3; Beton armiert (mit 2 % Stahl), Rohdichte 2400, Wärmeleitfähig- keit 2,5; Beton mit hoher Rohdichte, nämlich 2400, Wärmeleitfähigkeit 2,0. Und was nehme ich nun bei Beton mit hoher Rohdichte, der mit 1 % oder 2 % armiert ist? Was stelle ich an, wenn der Beton an einer Stelle nur 1 % Bewehrung hat und 5 m weiter 2 %? Das gibt ja eine tolle Optimierungskette zwischen Statik und Wärmeschutznachweis! Ich will meinen guten alten Normalbeton mit Wärmeleitfähigkeit 2,1 wiederhaben! Was macht man denn damit falsch???

Ein ganz fataler Nebeneffekt der gegenwärtigen Entwicklung in der Normung ist, dass der Ingenieur eigentlich nur noch über die Software die Möglichkeit hat, sich an die Normung heranzuarbeiten, weil er diese unendlich vielen sich verschachtelten Bezüge nicht mehr auf die Reihe bekommt. Es scheint zunächst überhaupt die krude Denkungsweise des Normengebers zu sein, die Normung möglichst so zu gestalten, dass entsprechend intelligente Programme dem Ingenieur fast alle Entscheidungen abnehmen, nach dem Motto: „Wir haben jetzt ja Computer, wir können es uns leisten, möglichst viele Berechnungen anzustellen und uns auf diese Weise Gewissheit über eine Konstruktion zu verschaffen.“

Ich bemerke allerdings auch, dass jetzt die Software-Entwickler überwiegend genervt sind, weil diese komplizierten Rechenansätze zwar alle mit dem Computer gelöst werden können, die Programmierung aber selbst wohl auch sehr anfällig für Fehler ist. Anzeichen dafür sind, dass es für die Ingenieurbau-Software mittlerweile schon ähnlich viele Patches gibt, wie für Microsoft-Produkte. Dass dies für Ingenieurbüros mittlerweile ein immenser Kostenfaktor ist, wird offensichtlich billigend in Kauf genommen. Wie mir ein prüfender Kollege kürzlich mitteilte, sind die auf dem Markt befindlichen Softwarepakete vielfach außerordentlich fehlerhaft. Nur, was macht ein Prüfer? Er prüft eine Software-Berechnung mit einer anderen Software. Glückssache, wenn man hier das richtige trifft, weil von Hand kaum noch etwas nachzuweisen oder zu überprüfen ist. Es steht zu befürchten, dass das Gefühl für Dimensionen und der schnelle Überschlag nach vereinfachter Formel verloren geht! Ich habe den schweren Verdacht, dass Prüfingenieure heimlich mit altherkömmlichen Rechenmethoden die Plausibilität eines Ergebnisses abchecken. Eine Rückzugsmöglichkeit, die den älteren Ingenieuren vielleicht noch so manchen Vorteil einbringt, indem sie die eine oder andere Umbemessung auf der Baustelle mit dem Taschenrechner noch nach alter Normung vornimmt. An den Ingenieur, der mit dem Laptop auf die Baustelle geht, glaube ich ohnehin nicht. Das Schlimme an dieser Entwicklung ist, dass beim besten Willen nicht einzusehen ist, wozu diese ganze Umstellung der Normung gut sein soll! Das alte Normenkonzept – ohne diese elenden Teilsicherheitsbeiwerte und sonstigen Verzweiflungsfaktoren – hat uns doch gerade in Deutschland eine Sicherheit des Bauens verschafft, die nur bei gelegentlich grobem Fehlverhalten zu Schäden oder gar Todesopfern geführt haben.