Kritik an der Normenentwicklung

Aber durch diesen ganzen Kombinationsdschungel muss sich das arme Statikerlein erst einmal hindurchkämpfen! Ich gehe jede Wette ein, dass jeder Durchlaufträger, der nach alter Normung richtig gerechnet wurde und für den die Annahmen des Systems und der Belastung stimmten, nicht versagte. Der feldweise Ansatz von Nutzlasten sowie die Sicherheitsreserven des Baustoffes stellten bisher schon ein Sicherheitsniveau dar, das uns in Deutschland ausgesprochen wenige Bauschäden durch falsche statische Berechnung beschert hat. Dass bei Kragträgern mit anschließenden Innenfeldern Fingerspitzengefühl angesagt ist, dürfte fast allen konstruktiv tätigen Bauingenieuren bewusst sein. Hier wäre eher so etwas wie der § 1 der StVO angebracht – im übertragenen Sinne dahingehend zu verstehen, dass bei heiklen Konstruktionen mit besonderer Sorgfalt bezüglich der Lastannahmen vorzugehen ist.

Ich befürchte vielmehr – und dass nicht zuletzt auch aus eigener bitterer Erfahrung, dass wir uns in dem Wirrwarr von Abminderungs- und Erhöhungsfaktoren dermaßen verheddern, dass wir dadurch gelegentlich grobe Fehlannahmen verursachen.

Zitat aus dem guten alten Wommelsdorff [2]:

Die Neufassung der DIN 1055 ist als deutscher Vorschlag für eine spätere europäische Norm EC1 anzusehen.

Liebe Kollegen! Lasst uns alle hoffen, dass die Europäer die deutschen Streber zurückpfeifen!

Die Arbeit des Konstrukteurs verlagert sich wohl zunehmend dahin, zunächst einmal herauszufinden, welches denn die ungünstigsten Lastfallkombinationen sind, anstatt zu konstruieren!

Ein bezeichnendes Schlüsselerlebnis hatte ich bei einer Veranstaltung zum EC 5 (Holzbau), bei der mit stolzgeschwellter Brust den Teilnehmern eine Datei zur Verfügung gestellt wurde, die vor der Bemessung zunächst einmal über einen komplizierten Algorithmus feststellen soll, welches denn überhaupt die maßgebende Lastfallkombination sein wird! Hatte ich bislang eine gewisse Freude an der Arbeit des konstruktiven Ingenieurs gehegt, so ist dies mittlerweile vorbei! Man kann die Entwicklung nur noch als wissenschaftlich untermauerten Schwachsinn bezeichnen! In Bezug auf Sachdienlichkeit stufe ich das neue Normenwerk als grandiosen Flop ein! Schlimm, dass wir leider trotzdem damit arbeiten müssen! Aber wir werden ja schließlich auch nicht dafür bezahlt, dass wir Freude an der Arbeit empfinden. Irgendwelche Leute scheinen zu glauben, dass diejenigen, die es nicht mindestens mit einem derart komplizierten Instrumentarium wie dem bestehenden Steuerrecht zu tun haben, akademisch minderwertige Arbeit betreiben.

Eine Stoffeigenschaft, eine Belastungs- oder Bemessungsgröße, die vorher nicht aus einer Formel mit mindestens fünf Einflussfaktoren zustande gekommen ist, scheint den Normenvätern mittlerweile unwürdig als Arbeitsgrundlage zu sein, und vor allem: zu einfach!

Einstein war sicher nicht zuletzt deswegen ein Genie, weil er sich an das diesem Artikel vorangestellte Motto gehalten hat. Unsere Normenväter hingegen streben offenbar an, sich davon möglichst weit zu entfernen.

Krass chaotisch ist auch die Entwicklung im Bereich der Bauphysiknormung!

Nur einige Beispiele:

Früher waren alle bauphysikalischen Stoffwerte in der DIN 4108 für den üblichen ingenieurmäßigen Tagesgebrauch vereint. Aber das ist natürlich alles viel zu simpel. So müssen die Wärmeübergangswiderstände mittlerweile in zwei verschiedenen Normen zusammengesucht werden, nämlich in der DIN EN Iso 6946 und in der DIN EN Iso 13370. Dafür haben sich die verschiedenen Kategorien der Wärmeübergangswiderstände vermindert. Immerhin erstaunlich, aber auch sachdienlich? (Man beachte: hier ist eine Normung um mindestens einen Bemessungswert „vereinfacht“ worden! – ein nachgerade unglaublicher Vorgang!)

Der Wärmedurchgangswiderstand für stinknormalen Normalbeton findet sich heute nicht mehr in der DIN V 4108 (jawohl: wir müssen jetzt nach einer Vornorm arbeiten. Wer nach der gültigen Norm arbeitet, ist nicht mehr auf der Höhe der Zeit!), sondern es gibt schlicht einen Verweis in der DIN V 4108: „siehe DIN EN 12524“! Die Wärmeleitfähigkeit von Dämmstoffen muss nun in zwei Kategorien aufgeteilt werden. Wer eine Dämmung mit entsprechendem Prüfzeugnis nimmt, kann Kategorie I nehmen. Wenn wir uns dieses Prüfzeugnisses nicht sicher sind, müssen wir die Kategorie II nehmen, die gleich um zwanzig  Prozent schlechter ist. (Oder war es umgekehrt?). Und war dies mit den Kategorien in der Vornorm vor dieser Vornorm zumindest noch definiert, fehlt diese Definition inzwischen. Dafür sind die Kategorien schnell einmal vertauscht worden.

Und wozu müssen nun ein „Nennwert“ oder ein „Grenzwert“ und zu beidem jeweils ein „Bemessungswert“ in der Norm stehen? Und wie wird verhindert, dass bei der stillen Post vom Gehirn des Planers bis zum konkreten Einbau im Bauwerk nicht irgendetwas durcheinander gerät? Fragt sich nur, was der „geistige Nährwert“ des Ganzen ist! Früher gab es dafür zum Beispiel eine Wärmeleitfähigkeitsgruppe 040 und jeder wusste, dass eine Wärmeleitfähigkeit von 0,04 W/(mK) anzusetzen war. Sind Sie, liebe Kollegen, immer ganz sicher, welchen Wert Sie nehmen müssen? Welche Lobby sich dort durchgesetzt hat, um diesen Unfug in der Norm niederzulegen, dürfte klar sein!