Kritik an der Normenentwicklung

Artikel von Dipl.-Ing. Carl Ibs, abgedruckt in Deutsches IngenieurBlatt, 2007, 11, S. 62:

Alles soll so einfach wie möglich gemacht sein, aber nicht einfacher.

Albert Einstein

Irgendwann war es also notgedrungen so weit: die erste Statik musste nach der neuen DIN 1045-1 und der DIN 1055-100 erstellt werden. Es wurden Kurse besucht, um sich mit der Thematik vertraut zu machen. Aber wie es halt so ist, die Nagelprobe kommt erst am konkreten Objekt. Dass das alles einigermaßen mühsam werden würde, war mir schon klar, jedoch was dann dabei herauskam, das hat mich doch in seiner ganzen irrwitzigen Konsequenz erschüttert! Hatte ich doch mit einer Norm gerechnet, die in etwa nach dem Schema der DIN 18800 gestrickt sein würde (die für sich allein genommen schon schlimm genug ist).

Das erste Problem ist zunächst einmal die verwirrende Unübersichtlichkeit aller möglicher Faktoren mit der dann nochmals genauso großen Vielfalt von Indizes. Sicher ist es hilfreich, dass es in Normen und Fachbüchern üblich geworden ist, eine entsprechend lange Liste von allen möglichen Größen aufzuführen. Aber mögen diese Listen noch so umfangreich sein, so sieht die Beschäftigung mit einem Fachtext vielfach so aus: Nach ungefähr fünf Minuten stößt der Bearbeiter in der Regel auf einen Faktor, der dann doch wieder nicht in diesen Aufzäh- lungen vorhanden ist. Nach intensiver, nervtötender Suche hat der Leser den jeweiligen Faktor nach circa einer Viertelstunde dann doch gefunden und stellt fest, dass er wiederum das Ergebnis mehrerer verwirrender Faktoren ist.
Wenn uns diese Vielfalt nun wirklich voran brächte, könnte man sicherlich ein Einsehen finden, dass das alles nötig sei. Nur ist offensichtlich an mir vorübergegangen, dass in der Vergangenheit, als dieser unübersehbare Wust noch nicht vorhanden war, höchst unsicher gebaut wurde und dass reihenweise Bauten zusammengebrochen sind. Ich hatte eigentlich überwiegend den Eindruck, dass, wenn es zu Unglücken im Bauwesen gekommen ist, fast immer auch ein eklatantes menschliches Versagen damit verbunden war. Ich muss mich wohl getäuscht haben.

Irritierend ist in diesem Zusammenhang natürlich auch, dass immer wieder darauf verwiesen wird, dass sich das Sicherheitsniveau durch die neue Normung nicht geändert hat. Dann stellt sich aber doch die Frage: „Warum wird ein im großen und ganzen recht umfangreiches Wissensgebiet von einem halbwegs übersichtlichen Bemessungskonzept in ein nur noch undurchschaubares verwandelt?“ Wir (ich glaube schon, dass ich hier für den überwiegenden Teil der planenden Kollegen spreche) fühlen uns mittlerweile von einer Clique gegängelt, von der man eigentlich nicht weiß, in welchem Interesse sie agiert! Der Höhepunkt des Irrsinns ist die DIN 1055-100. Hier haben offensichtlich die Herrschaften aus dem Elfenbeinturm vollends die Bodenhaftung verloren.

Ich zitiere einen Software-Entwickler [1]:

Existieren zehn unabhängige Verkehrslastfälle, so sind diese zehn Lastfälle linear zu berechnen. Bei der Überlagerung sind sodann 210 = 1024 Fälle linear zu kombinieren.

Bei nichtlinearer Berechnung ist diese Vorgehensweise unzulässig. Es müssen tatsächlich 1024 Lastkollektive definiert und berechnet werden.

Bei den neueren Vorschriften ist die Anzahl der Fälle noch sehr viel höher, da hier mit unterschiedlichen Kombinationsbeiwerten unter Variation der führenden und nicht führenden Einwirkungen gearbeitet wird. Bei zehn Lastfällen rutscht die Anzahl der zu untersuchenden Fälle sehr schnell in den fünfstelligen Bereich, was insbesondere bei der nichtlinearen Berechnung zu einem kaum noch zu vertretenden Aufwand führt.

Mit anderen Worten: Schon relativ unkomplizierte Systeme können im Grunde nicht mehr ohne EDV gerechnet werden, so dass der Bearbeiter eigentlich auf Gedeih und Verderb auf den Computer angewiesen ist.

Der Computer soll uns von endloser Rechenarbeit befreien, uns aber doch die Beurteilung von Systemen nicht abnehmen! Nun haben wir nach einer langen Entwicklungsperiode, an dessen Anfang der Bauingenieur Konrad Zuse mit dem Bau des ersten funktionierenden Computers stand, seit wenigen Jahren einen Zustand erreicht, in dem PCs und zugehörige Software für fast alle Konstrukteure weitgehend erschwinglich wurden, und nun wird ein neuer Impuls gestartet, der Software wieder über die Maßen teuer macht, weil jetzt offensichtlich der Ehrgeiz besteht, den Rechenaufwand durch zusätzliche aufwendige Algorithmen auf andere Weise wieder in die Höhe zu treiben! Wer hat denn wirklich Vertrauen darein, dass die Software immer alles richtig erledigt?

Laufen wir nicht Gefahr, zu übersehen, wenn die Ergebnisse unserer Berechnungen Unsinn ergeben?! Ganz abgesehen davon, dass bei den oben beschriebenen Rechenumfängen wohl schon einmal der eine oder andere Rechner auf der Strecke bleiben könnte. Und wozu dieser ganze Unfug?!

Ich kann den Normenvätern zu diesem Punkt nur zurufen: „Ihr habt doch nicht mehr alle Tassen im Schrank!“ Ich verweise auf den Titel der Norm: „Lastannahmen“, wobei ich das besondere Augenmerk auf das Teilwort „Annahmen“ lenken möchte.

Wir haben es hier mit Größen zu tun, bei denen wir insbesondere bei den Nutzlasten nur mit Abschätzungen rechnen können! Welchen Sinn hat es da, mit statistisch aus geklügelter Feinarbeit Unterschiede herauszufinden, die sich in der Bemessung nur marginal auswirken?

© 1997-2010 Arbeitsgemeinschaft Historische Bauten, Arch. + Ing., Bernhard Brüggemann, Carl Ibs, Burkhard Schwarz